Reitschule Bern, Stand 2026: Vereinslage, Subventions-Zahlen, Reform-Themen
Die Berner Genossenschafts-Spielstätte zwischen Förder-Vereinbarung 2025-2029, Awareness-Reform und Klima-Initiative. Fünf Säle, zwölf Kollektive, 180.000 Besuche pro Jahr im Daten-Überblick.
Die Reitschule Bern ist 2026 in einem Zustand, den die Mitwirkenden mit Vorsicht „arbeitsfähig” nennen — was im Vereins-Vokabular einer mittelschweren Bestätigung gleichkommt. Vierzig Jahre nach der Mai-Besetzung 1987, fünfunddreissig Jahre nach der Genossenschaftsübernahme 1991, ein Jahr nach der Verlängerung der städtischen Förder-Vereinbarung ist die Lage stabil. Was stabil heisst, lässt sich anhand der Daten dieser Saison erläutern.
Fünf Säle, eine Geschichte
Das Gelände an der Neubrückstrasse 8 beherbergt 2026 fünf eigenständige Spielstätten, jede mit eigener Programm-Kollektiv-Struktur:
| Spielstätte | Plätze | Programm-Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Frauenraum | 80 | FLINTA-Programm, Lesungen, Konzerte |
| Tojo Theater | 120 | Freies Theater, Performance, Tanz |
| Dachstock | 600 | Konzerte (Punk, Indie, Elektronik) |
| Reitschule-Kino | 80 | Politisches Kino, Repertoire, Premieren |
| Sous-le-Pont | 150 | Konzert-Bar, Klein-Konzerte, DJ-Sets |
Die Säle teilen sich Infrastruktur (Eingang, Technik-Pool, Buchhaltung über die Dachgenossenschaft IKuR — Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule), arbeiten programmatisch aber autonom. Diese Struktur ist seit der Genossenschafts-Gründung 1991 stabil und hat mehrere Reform-Debatten 1996, 2010 und 2024 überstanden.
Vereins-Geschichte: 1987 bis 2026
Die ehemalige Reitschule der Berner Kavallerie wurde im Mai 1987 besetzt, nach mehreren Räumungs- und Wieder-Besetzungs-Zyklen 1988 von der Stadt Bern faktisch geduldet. 1991 gründete sich die IKuR als Trägerverein, die Stadt übertrug das Nutzungsrecht in mehreren Etappen. 1996, 2010 und 2018 fanden städtische Abstimmungen über die Reitschule statt — jeweils mit Mehrheit für den Erhalt, zuletzt 2018 mit 51.8 Prozent in einer Initiativ-Abstimmung.
Die Reform-Debatte 2024 verlief intern: Nach mehreren Vorfällen rund um Awareness- und Sicherheitsfragen 2023 setzte die Vollversammlung im Februar 2024 eine Reform-Kommission ein, deren Bericht im November 2024 vorlag. Aus diesem Bericht stammen zentrale Veränderungslinien, die 2026 in der Umsetzung sind.
Kommunal-politische Lage 2026
Die aktuelle Förder-Vereinbarung 2025-2029 wurde im Stadtrat Bern im Dezember 2024 mit 56 zu 14 Stimmen genehmigt. Die jährliche Subventions-Höhe beträgt rund 2.4 Millionen CHF aus dem Stadt-Bern-Budget, verteilt auf:
- Betriebskostenpauschale für die Dachgenossenschaft: 1.45 Mio. CHF
- Programm-Beiträge für die fünf Kollektive: 680.000 CHF (verteilt nach internem Schlüssel)
- Infrastruktur- und Sanierungs-Anteil: 270.000 CHF
Hinzu kommen kantonale Beiträge des Kantons Bern in Höhe von rund 320.000 CHF, sowie projektgebundene Bundesmittel des Bundesamtes für Kultur (etwa 180.000 CHF für 2026, vor allem über die Pro-Helvetia-Schienen).
Die Vereinbarung enthält erstmals eine messbare Output-Klausel: Mindestens 380 Veranstaltungen jährlich, davon mindestens 60 mit explizit politischer oder gesellschaftskritischer Programm-Linie, mindestens 25 Prozent mit FLINTA-Schwerpunkt. Die Berichterstattung läuft halbjährlich an die städtische Kulturabteilung.
Programm-Stand 2026
Die Reitschule programmiert in der Saison 2025/2026 rund 450 Veranstaltungen, verteilt wie folgt:
- 195 Konzerte (Dachstock und Sous-le-Pont)
- 102 Theater-/Performance-Vorstellungen (Tojo)
- 78 Kino-Vorführungen
- 41 Lesungen und Diskussions-Veranstaltungen (überwiegend Frauenraum)
- 34 sonstige Veranstaltungen (Plenum, Kollektiv-Treffen, Workshops)
Die Gesamt-Besuchszahl liegt bei etwa 180.000 pro Jahr, mit dem Dachstock als grösstem Faktor (etwa 95.000 Besuche bei Konzerten und Klub-Nächten). Die Auslastung im Tojo liegt bei rund 72 Prozent über die Saison.
Kollektiv-Struktur und Plena
Die Reitschule arbeitet basisdemokratisch in zwölf eigenständigen Vorstands-Kollektiven, die jeweils ein Aufgabengebiet verantworten. Die monatliche Vollversammlung (in Reitschulen-Vokabular „MVR” — Monatsversammlung Reitschule) entscheidet übergeordnete Fragen: Förder-Vereinbarungen, Bau-Sanierungs-Massnahmen, House-Rules, Awareness-Standards.
Plenare sind nicht nur formal verbindlich, sondern strukturell prägend. Eine Entscheidung gilt erst, wenn sie im Plenum getragen wird — die Konsequenz ist, dass Reform-Prozesse selten Wochen, häufig Monate dauern. Die Kommission 2024 brauchte neun Monate von Einsetzung bis Bericht, die Umsetzung im Plenum nochmals fünf Monate. Wer aus klassischen Vereinsstrukturen kommt, hält diese Geschwindigkeit für ineffizient. Wer in Konsens-Strukturen geübt ist, sieht darin den Punkt der Stabilität.
Themen-Linien 2026
Drei Themen prägen das Reitschul-Jahr 2026:
Awareness-Reform. Der Reform-Bericht 2024 hat zu einer Aktualisierung des Code-of-Conduct geführt, der seit Januar 2026 in allen fünf Spielstätten konsistent gilt. Die Awareness-Strukturen wurden verbindlicher organisiert (feste Awareness-Personen pro Veranstaltungs-Abend, separate Awareness-Anlaufstelle ausserhalb der Spielstätten, dokumentierte Eskalationswege). Die Schulung der Awareness-Aktiven läuft über das ganze Jahr 2026 in zehn Workshop-Terminen.
Gender- und queer-orientierte Programm-Linie. Der Frauenraum hat seine Programm-Linie 2026 explizit als FLINTA-Schwerpunkt formuliert (alle Lesungen und Konzerte ausschliesslich mit FLINTA-Beteiligung). Im Tojo läuft seit Saisonbeginn 2025/2026 die Reihe „Queere Bühne” mit acht Eigenproduktionen pro Saison. Im Dachstock ist die Sichtbarkeit queerer Booking-Linien deutlich gestiegen, ohne dass das gesamte Programm umgestellt würde.
Klima-Initiative. Die IKuR hat 2025 einen CO₂-Bilanz-Reduktions-Plan beschlossen, der bis 2030 eine Reduktion um 45 Prozent gegenüber Baseline 2019 vorsieht. Erste Massnahmen 2026: Umstellung der Heizung im Dachstock auf Fernwärme (in Umsetzung), Reise-Pauschalen für Künstlerinnen mit Bahnreise-Bonus, vegetarisches Catering-Standard (Fleisch nur auf Anfrage und gegen Aufpreis), Reduktion der Plastik-Bestuhlung im Sous-le-Pont auf Mehrweg-Lösung.
Strukturelle Beobachtung
Die Reitschule Bern bleibt 2026 das, was sie seit 1991 ist: eine selbstverwaltete Spielstätte, die sich nicht auf eine ästhetische Linie verpflichten lässt, sondern auf eine Organisationsform. Das macht sie für externe Kuratorinnen schwierig erfassbar — kein Haus-Kurator, kein Programm-Direktor, keine Leit-Auftorin — und für interne Mitwirkende stabiler als die meisten staatlichen oder privaten Kulturhäuser, die nach 35 Jahren typischerweise schon drei Generalrenovierungen und vier Leitungs-Wechsel hinter sich haben.
Was die Reitschule 2026 nicht gelöst hat: die Frage, wie die nächste Generation an Aktive übergeben wird, ohne die Plenums-Kultur zu verlieren. Die Reform-Kommission hat diese Frage benannt, ohne eine Antwort vorzulegen. Das ist nicht zwingend ein Versäumnis, sondern eine Eigenschaft der Sache.